Die fünf Weihnachtsmänner                                                                                                  Jörn Hinrichsen

Ganz langsam führte Alexei Gromov, ehemaliger Polizist und nun Privatdetektiv, seine Canon 1000D über das Geländer im Obergeschoss  des Hamburger Hauptbahnhofes in Richtung Auge, drückte leicht den Auslöser, was mit einem leisen Summen den Autofokus aktivierte und drehte am Objektiv, um die bestmögliche Vergrößerung zu erreichen.

Klick, Klick

Es war am späten Nachmittag des 23. Dezembers und es herrschte hektische Betriebsamkeit am Hamburger Knotenpunkt. Letzte Einkäufe waren erledigt, alle wollten nach Hause oder zu Verwandten und Freunden. Der allgemeine Vorweihnachtsterror war fast überstanden und der Detektiv konnte die nervliche Anspannung der Menschen förmlich spüren. Er fragte sich häufig, wie man von besinnlicher Weihnachtszeit sprechen konnte. Besinnlichkeit sah bei ihm anders aus. Ein Single Malt, ein gutes Buch, sein geliebtes Sofa, so in etwa. Die Bahnsteige waren jedenfalls voll und Gromow fröstelte leicht auf der zugigen Empore, von wo er den besten Blick auf sein Opfer hatte. Dieses trug einen langen roten Mantel, eine ebenso rote Mütze, schwarze Stiefel über der roten Hose und einen ziemlich langen schneeweißen Bart. Drei Tage vorher hatte er diesen wirklich einmalig dämlichen Auftrag der Betreibergesellschaft des Bahnhofes bekommen und nun stand er hier und machte heimlich Fotos, um den Weihnachtsmann als Betrüger zu überführen. Insgesamt fünf dieser Konsorten waren im altehrwürdigen Gebäude unterwegs und verkauften Lose für die große Weihnachtstombola. Das Problem war nur, dass sich mehrere Kunden beschwert hatten, ihnen seien die Lose nicht für 1Euro verkauft worden, sondern zum Teil für 10 Euro und das Wechselgeld hätte mehrfach auch nicht gestimmt. Als die Geschäftsführung die Studenten, die unter den Kostümen steckten, zur Rede stellte, leugneten natürlich alle, etwas damit zu tun zu haben und da sie identisch aussahen, blieb die Wahrheit auf der Strecke.

Nun verfolgte Gromow also den ganzen Tag schon die 5 Weihnachtsmänner, schoss hunderte Fotos und versuchte zu ergründen, wer das schwarze Schaf war. Als Privatdetektiv hat man es nicht leicht, dachte er und drückte wieder auf den Auslöser. Er war erst seit 2 Monaten selbstständig, nachdem er gerade aus dem Polizeidienst ausgeschieden war, da er dem widerlichen Sohn des Hamburger Polizeipräsidenten zwei Zähne ausgeschlagen und die Nase gebrochen hatte. Daher konnte er nicht wählerisch sein, was seine Aufträge anging, sein Gespartes ging dramatisch schnell zur Neige und die Kunden drängelten sich nicht gerade vor seiner Tür. Im Prinzip hatte er alle fünf schon mehrfach beobachtet, konnte bisher aber nichts Unregelmäßiges feststellen. Gelangweilt blickte er durch den Sucher und spielte mit dem Objektiv. 10 Meter rechts von ihm saß ein typischer Obdachloser, der einen leicht verwirrten Eindruck machte und die rechte Hand für ein paar Almosen ausstreckte. Dabei murmelte er etwas von der Prophezeiung und das Israel bald in der Hamburger Innenstadt eine Filiale aufmachen würde. Aus dem Augenwinkel nahm Gromow wahr, wie ein paar Romakinder auf den Alten zugingen und sich mehrfach suchend umblickten. Sie sahen selbst ziemlich abgerissen aus und definitiv zu kalt gekleidet für das erbärmliche Hamburger Schmuddelwetter. Vielleicht waren es auch Flüchtlingskinder, jedenfalls würde ihr Weihnachten anders aussehen als das vieler deutscher Kinder. Als sie vor dem Mann standen, mussten sie etwas grinsen, da sein prophetisches Geleiere lauter wurde. Sie bückten sich, schauten interessiert in sein Gesicht, zuckten dann mit den Achseln, kramten in ihren Hosentaschen und legte fast behutsam ein wenig Kleingeld in die immer noch ausgestreckte Hand des Bettlers. Dann drehten sie sich um und gingen fröhlich schwatzend fort. Gromow musste schlucken. Damit hatte er nun gar nicht gerechnet. Praktizierte Nächstenliebe von Menschen, die selbst wenig hatten und doch gaben. In was für einer Welt leben wir nur, fragte sich der Detektiv, wo die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer wurden. Sein Blick ging wieder Richtung Weihnachtsmann, der gerade einem anderen seiner Sorte 50 Euro in die Hand drückte. Upps, was war denn das? Schnell trennten sich die beiden wieder und strebten Richtung Rolltreppe. Gromow nahm sich seine Kamera und schaute auf die Fotoserien. Plötzlich fing er laut an zu lachen, so dass der Prophet Israels seinen Sing-Sang unterbrach und verwirrt in seine Richtung schaute.

So ein paar Schweinepriester!, grinste der Detektiv und machte sich auf den Weg zur Geschäftsführung.

„Ihre Weihnachtsmänner sind sauber.“

„Aber das kann doch nicht sein. Wir haben mindestens 20 Beschwerden in den letzten drei Tagen gehabt“, erwiderte die quietschende Stimme des stellvertretenden Geschäftsführers. Sein blaues Hemd wies dunkle Schweißflecke unter den Armen auf und die Knöpfe spannten am Bauch. 

„Ich habe jetzt über 500 Fotos gemacht und alle 5 mindestens jeweils 1,5 Stunden beobachtet. Sie müssten zaubern können, damit ich das nicht bemerke. Nein, wahrscheinlich sind das nur frustrierte Loskäufer, die nichts gewonnen haben und nun ein kostenloses Geschenk möchten.“

„Nun gut, die Aktion ist eh morgen vorbei und jetzt bringt es auch nichts mehr.“

Gromow konnte sich ein leichtes Schmunzeln nicht verkneifen, griff in seine Innentasche und holte die Rechnung heraus.

 

Als er wieder auf die Empore trat, konnte er vier der Weihnachtsmänner bei ihrer Arbeit sehen. Er beobachtete ihr Treiben ein paar Minuten und machte sich dann auf den Weg. Nach wenigen Minuten hatte er gefunden,  was er gesucht hatte und stellte sich neben den Weihnachtsmann.

„Ich würde sagen 50 Euro sind ok.“ Dabei blickte er direkt in die Augen des erstaunten Losverkäufers.

„Hä, wie soll ich das verstehen? Was bist du überhaupt für ein Typ?“

„Ich bin der Typ, der euch den ganzen Tag beobachtet hat“, er drehte das Display seiner Kamera, so dass der erstaunte Student einen Blick darauf werfen konnte, „und der eben mit der Geschäftsführung gesprochen hat, um euer kleines Spiel aufzudecken. Weil Weihnachten ist, gebe ich euch aber eine Chance, das Ganze etwas anders zu regeln. Ich weiß, dass ihr zu siebt seid, obwohl eigentlich nur fünf hier sein dürften. Außerdem passen Reitstiefel wirklich nicht zum Weihnachtsmann. Reicht das?“ Gromow nahm die entgleisenden Gesichtszüge zur Kenntnis und wusste, dass er gewonnen hatte.

„Ich vermute, dass ihr rund 500 Euro pro Tag zusätzlich gemacht habt. Das sind bei drei Tagen 1500 Euro. Falls mehr, euer Glück. Davon gibst du mir jetzt 50 Euro. Danach gehen wir ins Hamburger Seemannsheim und du legst 1450 Euro auf den Tisch. Meinetwegen können du und deine Kumpels auch mit den Seeleuten Weihnachten feiern, ihr zahlt auf jeden Fall das Fest. Als Gegenleistung halte ich die Klappe und ihr müsst die Feiertage nicht in Untersuchungshaft verbringen und dürft euren Studienplatz behalten. Wir hört sich das an?“

Eine Stunde später schritt Alexei Gromow aus dem Getränkeshop am Bahnhofseingang, in der Manteltasche eine schöne Flasche Talisker Single Malt, ein selbstzufriedenes Grinsen im Gesicht.

In der Ferne hörte er das Gemurmel über Israel in Hamburg. Das Wechselgeld noch in der Hand näherte er sich dem Propheten und ging in die Hocke. Mit seiner Linken ergriff er die ausgestreckte Hand und legte mit der Rechten 18,10 Euro in die offene Handfläche.

„Frohe Weihnachten, mein Freund!“