Aus "Gib Gas!"

Einsatz

Bredstedt bei Husum, 6. Juni am Morgen

Die 23 Beamten des Spezialeinsatzkommandos, kurz SEK, der Abteilung 5 des Landeskriminalamtes hatten sich sorgfältig auf dem großzügigen Gelände des kleinen Bauernhofes an der Flensburger Straße verteilt und warteten auf ihren Einsatzbefehl. Die Örtlichkeit lag außerhalb des idyllischen Dorfes und war nur im Schutze der Dunkelheit unbemerkt zu erreichen gewesen. Das barg für ihren Einsatz ein gewisses Risiko, aber in den 40 Jahren ihres Bestehens hatte das SEK tatsächlich nur fünf Mal von der Schusswaffe Gebrauch machen müssen. Der Hof wurde seit 12 Stunden beobachtet und bestand aus einem kleinen Wohngebäude, einer Garage, einer größeren Scheune und einer untypischen Außensauna, die aber leer war. Die Einsatzleitung ging von vier bis sechs bewaffneten Bikern der Kieler Tiger aus. Nicht sicher war die Information, dass sich in dem Gebäude auch die gesuchte Geisel aufhielt. Die Erste Kriminalhauptkommissarin Kathrin van Busche war zum Zuschauen verdammt, obwohl es ein Entführungsfall aus Kiel war. Die Show gehörte dem LKA. Nach mehreren Tagen Kompetenzgerangel hatte schließlich der Innenminister selbst entschieden, den Fall innerhalb von Kiel weiterzugeben. Da der Entführte einer der reichsten Männer Deutschlands war, bekam der Fall das Prädikat herausragend und bedeutend. Damit war die Kieler Polizei quasi raus aus dem Spiel.

»Alles ruhig. Zwei Personen im Wohnzimmer, zwei in der Küche. Weitere nicht auszumachen. Dagobert nicht zu sehen.« Die leise Stimme des Observators erklang in den Headsets. Einsatzleiter Richard Freitag, der mit 44 Jahren ein Veteran der Truppe war, kratzte sich am Hals unter dem Kragen seiner ballistischen Schutzweste. Die knapp 30 Kilogramm Ausrüstung und die Sommerhitze des anhaltenden Hochs über Skandinavien trieben ihm den Schweiß aus allen Poren. »Der Hubschrauber aus Hamburg hat technische Probleme und kommt nicht mehr. Wir müssen das alleine erledigen. Zugriff in 120 Sekunden. Macht euch bereit.«

Der Präzisionsschütze drehte langsam am Visier seines Heckler & Koch PSG1 und regulierte den Atem durch langsame, gleichmäßige Züge. 

»Bestätigt. Freies Schussfeld zum Wohnzimmer. Over.«

»Hintereingang bereit.«

»Garage bereit.«

»Scheune bereit.«

»Vordereingang bereit.«

Freitag schaute auf den Sekundenzeiger seiner Uhr und lauschte den Rückmeldungen des Teams. Jetzt gab es kein Zurück mehr. Das Adrenalin schoss ihm in die Adern, als er den folgenschweren Befehl gab.

»Zugriff!«

                Sämtliche Teams ließen die massiven Rammen gegen die unterschiedlichen Türen knallen und sprangen wie tausendfach trainiert mit vorgehaltenen Heckler & Koch MP7 Maschinenpistolen durch die entstandenen Öffnungen.

Van Busche konnte über ihr Headset den Einsatz mitverfolgen und lauschte angespannt den Stimmen.

»Vorraum sicher.«

»Windfang sicher.«

»Flur gesichert.«

»Rücken vor zum Wohnbereich.«

Plötzlich Schüsse.

»Scheiße… Ahrg.«

»Fuck, Drei ist getroffen, ich wiederhole, Drei ist getroffen.«

Erneute Schüsse.

Ein Schnellfeuergewehr vermutete die Kommissarin. Mehrere Salven.

»Verdammt, was ist los?«, schrie Freitag ins Mikrofon.

Weitere Schüsse.

»… Keller… «

»Waaaaaas?«

Die Stimmen überschlugen sich, van Busche konnte kaum noch was verstehen. Sie zog ihre Walther P99 mit 16 Schuss und stürmte Richtung Haus. Aus dem Augenwinkel sah sie noch den Einsatzleiter, der ihr hinterherschrie. Mit schnellen Schritten war sie bei der Eingangstür und schlüpfte hindurch. Im Flur sah sie einen SEK-Mann in einer großen Blutlache liegen. Schräg dahinter einen Kellereingang, aus dem weitere Schüsse zu hören waren. In ihrem Headset spielte sich das reinste Chaos ab und sie schaltete es aus. Sie wollte sich auf die Umgebungsgeräusche konzentrieren. Leicht geduckt schlich sie vorwärts in Richtung Kellereingang. Die Pistole auf den Boden gerichtet näherte sie sich dem dunklen Loch, aus dem die Schreie und Schüsse zu hören waren. Vorsichtig guckte sie um die Ecke, als ihr von unten ein blutüberströmter Biker in Lederkluft entgegensprang, das Schrotgewehr im Anschlag. Instinktiv warf sie sich zurück und feuerte selbst, als sie die Ladung über sich in die hintere Wand rauschen hörte. Ein Stöhnen und Poltern. Ihr Gegenüber fiel tödlich getroffen die Treppe wieder runter. Van Busche bewegte sich wie in Trance tiefer in den Keller…

Aus Dunkle Geheimnisse

Todeshauch

Kiel, 5. Juni

Sie ließ sich langsam in die Badewanne gleiten, ganz vor-sichtig, um sich allmählich an die Hitze des Wassers zu gewöhnen. Es war an der Grenze zum Erträglichen, aber sie hasste sich selbst und hoffte, der Schmerz würde sie ablenken. Doch die Erinnerung war zu frisch, zu unmittel-bar. Sie bekam trotz der Hitze eine Gänsehaut und sank langsam immer tiefer, bis nur noch ihr Kopf aus dem Was-ser guckte. Der Nacken lag auf dem Rand der Wanne und sie hatte die Augen geschlossen. Ihr langes rotes Haar fiel über die Seite ins Nass und kitzelte am Hals. Sie war keine Schönheit wie andere Mädchen aus ihrem Jahrgang, aber sie hatte offensichtlich eine ungewöhnliche Anziehungs-kraft auf Männer, auf ältere Männer. Mit ihren 1,80m fiel sie auf jeden Fall auf und ihre schlanke Figur wirkte manchmal noch unreif und linkisch. Das heiße Wasser lenkte sie kurzfristig tatsächlich ab, ihre Haut schien zu glühen und die Farbe ihrer Haare anzunehmen. Doch der seelische Schmerz war viel größer, er überlagerte alles. Er hatte ihr versprochen, dass es heute das letzte Mal wäre. Aber das hatte er schon oft. Was sollte sie machen? Sie gab sich ihm hin wie schon so oft, eher kalt als leiden-schaftlich, mit zusammengekniffen Lippen, zwischen die er brutal seine Zunge zwang. Sie traute sich nicht, sich weg-zudrehen, denn dann würde er sie schlagen. Nicht ins Ge-sicht, dafür war er zu schlau, aber in die Nieren, den Ma-gen. Immer so, dass nichts zu sehen war, dass der Schmerz sie aber gefügig machte. Sie hatte schon lange aufgegeben. Dafür hasste sie sich umso mehr. Manchmal wollte sie am liebsten von der Holtenauer Hochbrücke springen, über die sie jeden Morgen bei schönem Wetter mit ihrem Fahrrad fuhr. Aber sie war doch noch so jung, hatte so wenig vom Leben gesehen und am Anfang hatte es ihr sogar gefallen. Ihr großes Geheimnis, ihre Verabre-dungen, die Schwärmereien. Doch es kehrte sich alles ins Gegenteil um, er wollte immer mehr, immer häufiger und er hatte sie in der Hand. Nachdem sie sich ein paar Mal getroffen hatten und näher gekommen waren, hatte sie nach zwei Gläsern Wein einen plötzlichen Filmriss gehabt. Sie war Stunden später in seinem Bett aufgewacht, nackt und alleine. Auf dem Boden lagen jede Menge ausge-druckte Fotos von ihr, an die sie keinerlei Erinnerungen hatte. Sie war gut zu erkennen, denn sie lächelte fröhlich mit leicht glasigen Augen in die Kamera, hatte nichts an und zeigte eindeutige Posen. Sie war so geschockt und völlig verzweifelt, als er plötzlich hereinkam. Er bot ihr ei-nen Deal an, den sie nicht ablehnen konnte, denn zu groß war die Angst vor dem Skandal, der Erinnerungslücke und so hatte sie das erste Mal mit einem Mann geschlafen.
Sie hörte die Haustür zuschlagen und freute sich, dass er offensichtlich weg war und sie in seiner Wohnung alleine war. Wahrscheinlich hatte sie für heute ihre Ruhe und könnte nach dem Bad unbehelligt nach Hause fahren. Er ging nach dem Sex häufig joggen, als ob es ihm noch nicht gereicht hätte. Er war verheiratet, aber seine Frau war Pharmareferentin und meist tagelang unterwegs. Sie konnte das alles nicht verstehen, sah aber auch keinen Ausweg, außer er machte sein Versprechen doch endlich war und ließe sie zufrieden. Das Wasser war nun nicht mehr so brühend heiß und sie konnte sich ein wenig ent-spannen. Sie ließ sich noch tiefer sinken, hielt die Luft an und glitt ganz unter Wasser. Sie konnte nichts hören und es war mehr ein Gefühl, vielleicht auch die leichte Vibration eines Schrittes oder ein Knie, was gegen den Wannenrand stieß. Sie wollte sich aufrichten, als sie zwei Hände auf ihrem Gesicht und dem Oberkörper spürte, die sie fest nach unten drückten. Panik durchzuckte sie. Das konnte nicht sein. Warum sollte er das tun, sie hatte die Tür doch gehört. Noch hatte sie Luft in den Lungenflügeln und sie begann, sich zu wehren. Sie schlug mit ihren Händen nach oben, traf auch, wurde aber weiterhin gegen den Boden der Wanne gedrückt. Sie wollte schreien, bekam Wasser in die Lunge, wurde noch panischer, würgte, spürte, wie ihre Augen aus den Höhlen traten, merkte, wie ihr Kopf kurz angehoben und dann auf den eisernen Grund der alten Wanne geknallt wurde. Der Schmerz durchzuckte sie, ein letzter Versuch der Gegenwehr wurde von den kräftigen Händen und weiterem Wasser in ihrer Lunge vereitelt.
Sie gab auf und für genau eine Sekunde fand sie ihren Frieden. Dann verlor sie das Bewusstsein.

Aus "Der Pate von Jeju-Island

Gromow verschloss den Wagen, schlug den Kragen seines Mantels hoch und meldete sich am Empfang, an dem ein total gelangweilter Pförtner gerade die wenigen Vorzüge der Blitzzeitung studierte. Er hatte sich für die Wahrheit entschieden und schilderte dem unfreundlich dreinblickenden Mann sein Anliegen.
»Moin, Alexei Gromow. Ich möchte zu Dr. Klaus Eckhardt.«
Der Torwächter lehnte sich langsam über die nackte Nicole auf seinem Schreibtisch.
»Sie sind nicht angemeldet!«
Woher er das wusste, blieb sein Geheimnis, denn das Einzige, was der Muffelkopp auf seinem Schreibtisch sehen konnte, war, dass Nicole auf Männer mit Sixpack stand und jeden Morgen Erdbeeren aß. Eine hatte sie zweifelsohne im Mund.
»Das stimmt. Ich sagte auch nicht, dass ich einen Termin habe, ich möchte ganz einfach zu Herrn Dr. Eckhardt.« Gromow bemühte sich ruhig und höflich zu bleiben, aber entweder hatten Fiat Tipo und fehlender Anzug einen zu schlechten Eindruck gemacht oder der Griesgram hatte eine schreckliche Xanthippe zu Hause und fühlte sich nun massiv bei der Beobachtung Nicoles und ihres vegetarischen Frühstücks gestört. Vielleicht war er aber auch nur ein typisch deutscher Dienstleistungsmisanthrop.
»Wenn Sie nicht zufällig ein russischer Millionär sind, der eine Yacht kaufen will, und danach sehen Sie wirklich nicht aus, dann kommen Sie hier ohne Termin nicht rein. Fertig. Aus. Basta!«
Er lehnte sich wieder in seinen Lehnstuhl und blickte auf Nicoles deutliche Charaktermerkmale. Gromow machte sich nicht die Mühe, den Betonkopf darauf hinzuweisen, dass eine Yacht für einen russischen Oligarchen wohl eher das Konto eines Milliardärs benötigte und drehte sich langsam um. Allerdings konnte er sich nicht verkneifen, das letzte Wort zu haben.
»Falls der Russe vorbeikommt, würde ich an Ihrer Stelle wenigstens den Hosenstall zumachen!«

Gerade als er einsteigen wollte, kam ein dunkler Ford Mondeo in die Einfahrt und hielt direkt vorm Tor, den er als ehemaliger Polizist sofort als Dienstwagen der Kriminalpolizei erkannte. Am Steuer saß ein leicht grauhaariger Veteran, das war ganz offensichtlich, während der Beifahrersitz von einer adretten Blondine in seinem Alter verziert wurde.